Dem „Woandersher“ viel zutrauen

Wir saßen, wie seit Corona-Zeiten öfter als zuvor im Wohnzimmer, um miteinander eine DVD zu schauen. Protagonist des Films ist ein zwölfjähriger Junge, der es im Leben nicht leicht hat. Seine Mutter ist Alkoholikerin, sein leiblicher Vater, der zur High Society der Ostküste Amerikas gehört, zahlt zwar reichlich Alimente, kannte aber weder Sets Mutter gut noch ihn.

Als die Mutter bei einem Verkehrsunfall stirbt, steht Set alleine da. Nur seine Direktorin hat über alle Schwierigkeiten Sets erkannt, wie zutiefst verletzlich dieser Junge ist und welches musikalische Talent in ihm schlummert: Wenn Set singt, versinkt die Welt um ihn und dann gibt es nur noch die Musik. Und denen, die ihm zuhören, geht es genauso. Mir ging es jedenfalls so: Als Set, durch seine Direktorin veranlasst und von seinem Vater geparkt, in einen der renommiertesten Jungen-Chöre der USA aufgenommen wird und dort das Vorsingen für die Aufnahme in den ersten Chor hat, singt er das Pie Jesu von Gabriel Fauré: Da ist dann alles eins, dann bleibt nur noch das Jetzt und alles ist hineingenommen in die Sehnsucht nach diesem Gott, der immer da sein wird, alle Tiefen kennt und sie hineinnimmt in sein volles Leben, so dass es nichts anderes mehr gibt als Aufgehobensein, Gehaltensein und das tiefe Empfinden, dass alles gut ist.

Gabriel Fauré hat das Pie Jesu als Mittelstück seines Requiems op.48 geschrieben. Zunächst gab es nur eine Fassung für kleines Orchester und erst später zur Weltausstellung in Paris 1900 baute es Fauré für großes Orchester aus. Fauré schrieb das Requiem in den zwei Jahren zwischen dem Tod seines Vaters 1885 und seiner Mutter 1847 und hat alles hineinkomponiert, was es im Leben gibt.

Als ich hörte, wie der Set des Films das Pie Jesu sang, haben sich für mich diese beiden Lebensgeschichten überlagert und etwas Neues gesagt: Der Junge, dem das Leben übel mitgespielt hat, singt ein Stück, das wie aus einer anderen Welt wirkt und eine Brücke anbietet, nicht stehen zu bleiben bei dem, was uns wie Sackgassen im Leben vorkommt. Es ist als ob sich da etwas auftut, das von woanders her kommt und mich einlädt, meinen Blick von dem zu lösen, wo es nicht mehr weitergeht, und anzufangen zu hoffen, dass Gott uns nicht vergisst, sondern eine Zukunft auftut, wo ich noch gar nichts sehe.

Für Set war das Pie Jesu der Sprung in den ersten Chor und damit in eine neue Lebensphase. Für uns, die wir das Pie Jesu hören, wird sich vermutlich nicht gleich sichtbar etwas ändern. Aber vielleicht ist diese Musik so etwas wie eine gute Erinnerung, diesem „von Woandersher“ im Leben viel zuzutrauen.

Ihre und Eure Franziskanerinnen sf


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