Dafür singe ich!

Ich singe für Worte, die echt sind und angehen und für eine Welt, in der allen Menschen die unantastbare Würde zukommt, die ihnen eigen ist.

Es fällt mir gar nicht so leicht, in diesen weltbewegenden Zeiten so etwas Schlichtem wie dem Wort Kraft zuzusprechen und darauf zu vertrauen, dass gute Worte etwas bewirken können. Vielleicht ist das Wort zu wenig – das kann sein. Vielleicht sediert es zu schnell; aber ich wundere mich, wie in meinem Leben immer wieder Worte ausschlaggebend waren, meinen Blick zu ändern, etwas für mich Großes trotz aller Risiken zu wagen und umzusetzen.

Es war keine große Richtungsänderung in meinem Leben, aber es war in meiner Lebensgeschichte die erste Rede, bei der ich merkte, dass allein das Wort eine neue Wirklichkeit geschaffen hat, hinter die man nicht mehr zurück konnte: Die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard v. Weizsäcker zum 8. Mai 1985, 40 Jahre nach Kriegsende. Weizsäcker hatte zum ersten Mal in der deutschen Öffentlichkeit laut und deutlich gemacht, dass der 8. Mai kein Tag der Niederlage war, kein Tag, der den Deutschen widerfuhr, sondern ein Tag der Befreiung und des Endes eines Irrweges. Als Jugendliche verstand ich zwar zunächst nicht so recht, wo hier das Problem und das Neue lagen, denn ich durfte in einer freien, demokratischen Welt aufwachsen. Ich spürte aber sehr wohl das öffentliche Grummeln und Murren und erkannte erst Schritt für Schritt, dass hier das Nazi-Deutschland endgültig verabschiedet und als Täter-Wirklichkeit gekennzeichnet wurde, die weit über 1945 hinaus in die Bundesrepublik Deutschland hineinreichte.

Es war lediglich eine Rede, die Weizsäcker als Bundespräsident in einer Gedenkstunde im Bundestag in Bonn hielt, und trotzdem setzte sie eine neue Wirklichkeit: 40 Jahre nach Kriegsende und Nazi-Deutschland sollte endgültig klar sein, welchen menschenverachtenden Mechanismen die Menschen gefolgt oder auch erlegen waren. Ein Neuanfang brauchte, den eigenen Verfehlungen und Gräueltaten ins Gesicht zu schauen: Der industriemäßig betriebenen Ermordung von 6 Mio. Jüdinnen und Juden, von Homosexuellen, Sinti und Roma, von Menschen, denen die Würde als Menschen abgesprochen und die deshalb vernichtet wurden. All dies hatte nicht irgendwer getan, sondern die, die damals lebten. Und all dies hatten auch die zu verantworten, die die NSDAP gewählt hatten. Die Rede Weizsäckers war nur eine Rede, aber sie zeigte, was der Fall war.

Wenn heute die AfD bei der Bundestagswahl über 20 % geholt hat und dies auch, weil diese Partei die alten Nazi-Parolen und Diskreditierungen von Menschen wiederholt und den verheerenden Sündenbockmechanismus – diesmal über die Geflüchteten – reaktiviert, dann lässt es mich freilich zweifeln, ob Worte hier allein genügen, ja ob sie überhaupt etwas ausrichten. Es schockiert mich, dass Menschen freiwillig die Errungenschaften unserer Demokratie einer in Teilen gesichert rechtsextremistischen Partei opfern – und zu wählen heißt eben auch, die Folgen eines Parteiprogramms mitzuverantworten.

Deshalb braucht es Anreden dagegen. Deshalb braucht es Worte, die aufdecken und nicht müde werden, die immer hoffähiger zu werdenden Verunglimpfungen von Menschen zu brandmarken. Deshalb braucht es Worte, die nicht dem Hass das Wort reden, sondern der Humanität. Es braucht die großen Reden, aber ich glaube auch, dass die Kraft von vielen Einzelnen etwas verändert. Das gute und wahre Wort, immer wieder gesagt und weitergereicht, macht Welt hell und macht Welt menschlich.

Vielleicht singe ich trotzig dafür, vielleicht etwas lauter als vorher, vielleicht etwas entschiedener, v. a. aber zuversichtlich.  

Ihnen und Euch allen wünschen wir, mutig für das „zu singen“, einzustehen, aufzustehen, was gerade jetzt wichtig ist…

Ihre und Eure Franziskanerinnen sf

Foto: Gemälde von Georg Schrimpf, „Mutter und Kind“; 1923.

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